*binding*

Februar 18, 2009 at 20:40 (Lebenslektionen)

Wenn ich groß bin, dann werde ich …

Ja, so sagt man das als kleines Mäderl oder kleiner Bursch. Tierärztin, Reitlehrer, Pilot, Polizist, Onkel Doktor, Gott.

Und man schwelgt in seinen Phantastereien. Man macht die kranke Katze wieder gesund, gibt eine Longierstunde, fliegt mal eben nach Australien. Man jagt Verbrecher, stellt Diagnosen … oder ist ganz einfach überkandidelt. :o}

Das schöne an diesen Was-will-ich-werden-Phantasien?

Sie dauern einen einzigen Tag lang. Negative Seiten gibt es nicht. Und: Man ist sofort da. Keine jahrelangen Studien, Prüfungen und Horror-Fächer wie Chemie und Mathe vonnöten. Und wenns mal keinen Spaß mehr macht? Ach, dann macht man einfach was anderes! Zirkusdompteur wär doch auch schön …

Das traurige an diesen Was-will-ich-werden-Phantasien?

Im Laufe der Zeit muss man sich von ihnen verabschieden. Die Seifenblase platzt, sobald man hört, dass man gut in Chemie sein muss, um der kranken Katze helfen zu können. Gute Augen und einen ausgeprägten Orientierungssinn braucht, um Pilot zu werden. Von den unzähligen Flugstunden mal ganz zu schweigen.

Welches Kind denkt daran, dass es in jedem Beruf langweilige Seiten gibt? Dass auch der tolle Polizistenheld und der clevere Onkel Doktor öden Papierkram erledigen müssen. Und dass es Tage gibt, an denen dich dein ganzer Beruf ankotzt nicht freut.

Dann macht man eben etwas anderes, sagt das Kind unbeirrt.

Und Börga sagt: Kind, du hast ja keine Ahnung.

Wie schön wäre es, ein Pretender sein zu können.

Heute back ich, morgen brat ich.

Aber is nich.

Sobald du über den kleinen-Mädchen-Status hinaus bist, mein liebes Kind, musst du lernen, Entscheidungen zu treffen. Und, damit nicht genug, du musst lernen mit deinen Entscheidungen zu leben. Und nicht nur mit, sondern auch noch von ihnen.

Man kann schließlich nicht immer nur Kartoffeln essen.

Ist diese Erkenntnis eine Art „Vertreibung aus dem Paradies“?

Jedenfalls ist sie ziemlich hart.

Aus und vorbei die Zeiten der unbeschwerten Vorstellungen und Phantastereien.

We’ve reached a point of no return.

Nix mehr mit: will ja nur spielen.

Uff.

Und die nächste beklemmende Erkenntnis folgt auf dem Fuß.

Deine Zeit ist begrenzt.

Du kannst wohl kaum Arzt und dann Anwalt und dann Pilot und dann doch Staubsaugervertreter werden. Du wirst dich entscheiden müssen.

Und wann immer man Ja zu etwas sagt, sagt man gleichzeitig zu etwas anderem Nein.

(hatten wir das hier nicht schonmal?)

Wie auch immer, little Miss wird plötzlich klar, dass ihre Wahl mit der Zeit immer eingeschränkter wird.

Und dass in gewissem Sinne tatsächlich ein point of no return erreicht ist.

Selbst wenn sie jetzt beschließt Krankenschwester oder Elefantenpflegerin zu werden – wo auch immer sie sich vorstellen geht wird sie dazu sagen: Eigentlich bin ich ja Werbetexterin.

Ein Satz, der sie nicht mehr verlässt. Der ab jetzt genauso dazugehört wie das Muttermal neben dem Mund und die Narbe auf der Stirn.

Oder verändert sich das?

Heißt es irgendwann: Eigentlich war ich ja Werbetexterin.

Und der nächste Schritt ist dann: Hallo Dumbo, ich bin deine neue Pflegerin. Dann mal hoch mit dem Rüsselchen!

?

?

?

Wie sehr definiert man seine Persönlichkeit denn nun über seinen Beruf?

Oder kann man das so allgemein gar nicht sagen, weil das jeder anders handhabt?

Schwierig, schwierig.

Bei little Miss trifft das ja schon irgendwo zu.

Sieht sie sich momentan ja als „Werbetexterin im Exil“.

~~~

Und all diese Dinge gehen ihr durch den Kopf, wo L. sie liebenswürdigerweise allein gelassen hat und sie die Zeit an seinem Internet eigentlich nutzen wollte, um in Ruhe ihre Bewerbung(en) zu schreiben.

Hat sie natürlich nicht.

Mag sein, dass Frau Bauer recht hatte. (Ich seh schon den Kommentar: Ich hab immer recht!)

Vielleicht vergeht tatsächlich viel Zeit zwischen dem Entschluss, sich wo zu bewerben und dem Moment, wo man dann tatsächlich auf Senden klicken kann, um das fertige Ding abzuschicken.

Und: Will man überhaupt?

Ist gerade das das Richtige?

Gäbe es nichts besseres, womit man sein Geld verdienen könnte?

Noch ist man jung, noch stehen einem alle Möglichkeiten offen!

Wer immer das sagt, ahnt ja gar nicht, welche Verzweiflung einen angesichts der großen leeren Weite, der unendlichen Anzahl an Möglichkeiten ergreifen kann.

Oder, mit anderen Worten:

Martin Luther King sagt: I have a dream.

Little Miss erkennt: I need a dream.

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