*olden*

Oktober 28, 2010 at 13:29 (Lebenslektionen, Literatur)

Langsam aber sicher — fühle mich alt.

Der interne Speicher meldet, dass er die Hälfte der wilden Jugend löschen muss, wenn da noch mehr erlebt werden soll. Erschreckend.

Und es wird jeden Tag mehr. Mehr, mehr, mehr. Informationsüberflut.

Wer kann das aushalten?

Und — ist das ein Phänomen der digitalen Revolutionsära? Ist das Internet mit seinen unendlichen Wissensweiten  und -untiefen daran schuld? Oder ging es den Leuten schon immer so, wenn sie die magische quarter-life-Grenze überschritten haben?

Andererseits, früher lag die Lebenserwartung bei etwa 30. Da ist natürlich ein Leichtes zu sagen: bis dass der Tod uns scheidet. Aber heute?

Heute muss ich mich wohl erstmal von vielen schönen Erinnerungen verabschieden, damit Platz für all die Tweets und FB-Statusmeldungen geschaffen wird.

Ich habe es ja knapp nicht geschafft, in der Generation digital native geboren zu werden.

Vielleicht wäre es dann leichter?

Ich weiß, dass ich nichts weiß? Hmm. Aber ich weiß, wo ich nachschauen kann. Egal zu welchem Thema, irgendwer da draußen hat sich schon damit beschäftigt und Zeit und Mühe aufgebracht, darüber zu schreiben. Ob akribische Episodenguides oder extrem spezielles Fachwissen — irgendwer da draußen ist nicht ausgegangen, hat nicht gearbeitet, hat Wäsche aufhängen auf später verschoben, nur um mir Wissen zur Verfügung zu stellen — sollte es mich denn jemals interessieren.

Get a life? Pah! Wie leer wäre das Internet ohne die vielen fleißigen Nerds da draußen, die es eifrig befüllen??

Danke müsste man sagen, danke.

Und so sehr mir dieses System, diese Organisation, dieses Weltbild Internet gefällt — so sehr erschreckt es mich auch. Manchmal wünscht man sich wirklich, eine Auszeit zu nehmen, offline zu gehen, irgendwohin wo man sich diese digitale Abhängigkeit wieder abgewöhnt, sich jeden Tag den gottverdammten Sonnenaufgang anschaut und gut ists.

Vielleicht mit einem guten Buch?

Wie wärs mit Henry David Thoreau’s Walden? Leben in den Wäldern, leben abseits von click und pling und aa-o.

Btw: Bin draufgekommen, dass Tommy Jauds Millionär der 2. Teil von Vollidiot ist. Warum schreiben die denn das nicht drauf, verflixt? (Äääh — hätte ich es vorher googeln müssen?)

Anyway — großartig. Wieder so ein Buch, das dazu führt, dass man nachts beim Lesen noch das Echo des eigenen Lachens hört.

Sehr gut bis jetzt auch Ralf Husmann — Vorsicht vor Leuten. Christoph Maria Herbst liest Hörbücher superb!!!

Sehr verstörend dagegen das Hörspiel „Lolita“, basierend auf Vladimir Nabokovs berühmtem Roman. Btw: Humbert Humbert war in den 40er Jahren Werbetexter …

Org jedenfalls, das Hörspiel. Perversion zum mitleben und -leiden.

„Gestern noch war ich ein unschuldiges Gänseblümchen — nun sieh, was Du aus mir gemacht hast!“

Zugute halten muss man Onkelchen Internet aber auch, dass verdammt Interessantes jederzeit verfügbar ist. Zum Beispiel das zu Lolita inspirierende Gedicht von Edgar Allen Poe.

ANNABELLE LEE

It was many and many a year ago,
In a kingdom by the sea,
That a maiden there lived whom you may know
By the name of Annabel Lee;
And this maiden she lived with no other thought
Than to love and be loved by me.

I was a child and she was a child,
In this kingdom by the sea;
But we loved with a love that was more than love –
I and my Annabel Lee;
With a love that the winged seraphs of heaven
Coveted her and me.
And this was the reason that, long ago,
In this kingdom by the sea,
A wind blew out of a cloud, chilling
My beautiful Annabel Lee;
So that her highborn kinsman came
And bore her away from me,
To shut her up in a sepulcher
In this kingdom by the sea.
The angels, not half so happy in heaven,
Went envying her and me
Yes! that was the reason
(as all men know,
In this kingdom by the sea)
That the wind came out of the cloud by night,
Chilling and killing my Annabel Lee.

But our love was stronger by far than the love
Of those who were older than we
Of many far wiser than we
And neither the angels in heaven above,
Nor the demons down under the sea,
Can ever dissever my soul from the soul
Of the beautiful Annabel Lee.
For the moon never beams without bringing me dreams
Of the beautiful Annabel Lee;
And the stars never rise but I feel the bright eyes
Of the beautiful Annabel Lee;
And so, all the night-tide, I lie down by the side
Of my darling, my darling, my life and my bride,
In the sepulcher there by the sea,
In her tomb by the sounding sea.

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2 Kommentare

  1. Schwester Danie* said,

    spannend, spannend – das erinnert mich
    a) an das sehr unterhaltsame sowie nachdenklich machende buch „ich bin dann mal offline“, das ich zum geb bekommen hab und
    b) daran, dass ich „lolita“ in einer besonders coolen englischen kommentierten version zuhause habe – „the annotated lolita“. (hab ja mal eine seminararbeit über die joyce-bezüge in lolita geschrieben.) paper-based wohlgemerkt. da kommt dieses gedicht genauso wie 1000 andere nützliche querverweise vor, die der unbedarfte leser übersehen muss. eine art analoger vorläufer zur hintergrundinfo im internet :)

  2. Schwester Danie* said,

    sehr hübscher titel einer amazon-rezension zu diesem thema übrigens:
    „She was Lo, plain Lo without the annotations“ :)

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