*______ (???) makes the world go round*

Januar 21, 2011 at 16:58 (Film, Lebenslektionen)

Haben es gestern gerade noch rechtzeitig zur Premiere vom neuen Zeitgeist (ZEITGEIST 3, Moving Forward) geschafft.

An der Kassa eine neue Lebenslektion:

Wer kämpft kann verlieren.
Wer nicht kämpft … hat schon gewonnen.

Hätten wir es nämlich auf regulärem Weg versucht, würden wir noch heute mit der Kassentante diskutieren. Und so hatten wir einen, zwar durch zwei geteilten aber doch recht netten, Platz am Balkon. Aber das nur am Rande.

Erstmal uff. Denn dieser Film ist mit 160 Minuten ein ganz schöner Brocken. Und was da alles vorkommt. Genetik, Umwelteinflüsse, Veränderungen, Statistiken, ob das BIP etwas übers Glücklichsein aussagt … und was alles schiefläuft.

Ich sag nur:

Naja. Fakt ist: Geld ist eine Idee. Schulden sind eine Idee. Zinsen sind fiktives Geld. Und nur durch Schuld wird Geld geboren.

Diese Erfindung war wohl nicht die beste aller Ideen. Aber wer hätte das voraussehen können?

Was ich mich ja immer frage: Wenn die Menschheit eine zweite Chance hätte, also quasi in der Evolution wieder bei Null anfangen könnte — würde das Geld noch einmal erfunden werden? Ist die Einrichtung Geld so etwas wie eine logische Konsequenz?

Nach dem ersten Teil des Films jedenfalls mal kurze Pause. Und little Miss echauffiert sich ganz schön. Denn mit dem Finger auf ein (halbwegs) funktionierendes System zu zeigen und zu sagen: hier ist ein Missstand, dieses ist schlecht, die Wirtschaft arbeitet nicht mehr effizient, Arm-Reich-Verteilung alles am Arsch, wo ist die Gerechtigkeit; es ist unfair, dass Börsenmakler, ohne auch nur den geringsten positiven Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, immer reicher und reicher werden …

das ist ja leicht. Sich aufregen ist immer leicht. Aber was wir brauchen, das sind Antworten. Alternativen. Lösungen für unseren in den Dreck gefahrenen Karren.

Das Problem ist nur: Ich wüsste keine.

Und selbst wenn ich eine Lösung wüsste, hätte ich viel zu viel Angst, sie vorzuschlagen oder umzusetzen. Weil ich mir nicht zutraue, alle Aspekte und Faktoren eines neuen Systems zu bedenken. Und schon ein kleiner Denkfehler bei der Erschaffung einer neuen Welt könnte sich ganz entsetzlich auswirken und verheerende Folgen haben.

Und wer wäre dann schuld? Auf wen würde man mit dem Finger zeigen?

The one who had the idea in the first place.

Die ganze Pause hindurch rege ich mich also auf, dass das nur ein weiterer Film ist, der anprangert, ohne mit einer funktionierenden Alternative aufwarten zu können.

Und dann kam der zweite Teil.

Hui.

Sehr lehrreich. Ich zum Beispiel wusste nicht, dass es in der Zwischenzeit tatsächlich 3D-Drucker gibt. GEILE SCHEISSE, sag ich da nur. Allein die Vorstellung, dass man sich den Modellplan aus dem Internet holt und dann das gewünschte Objekt einfach dreidimensional ausdruckt — da klingeln bei mir die Zukunftsglocken. Und wenn man mal kein Geschenk für jemanden hat, lässt man seinen RepRap einfach ein Duplikat seiner selbst anfertigen. Irre. Für mehr Info klick mal hier.
(Wobei: lehrt uns ZG nicht gleichzeitig, dass Plastik aus Erdöl gewonnen wird, das es bald nicht mehr geben wird?)

Zeitgeist geht aber noch weiter. Ausgehend davon, dass bei der zukünftigen Stadtplanung vor allem die Ressourcen(verteilung) und deren nachhaltiger Einsatz im Mittelpunkt unseres Denkens stehen sollten, stellt der Film ein neues Städtemodell vor. Naja, neu. Scheint, als hätte Jacque Fresco diese Idee schon vor langer langer Zeit gehabt.

In den Grundzügen: Eine vollautomatisierte Welt. Arbeit ist überflüssig, Geld ist überflüssig.

Städte sind kreisförmig (Amsterdam!), im Zentrum große Server, die alles steuern. Dazu Bildungseinrichtungen.
Und das Beste:  Gebaut werden diese Städte von Maschinen.

Wer wird die neue Welt bauen, wenn nicht Du und ich? – Naja, die Maschine.

Sieht fertig dann in etwa so aus:

Erinnert ein bisschen an Kornkreise, findet ihr nicht? Was ich mir jedenfalls im ersten Moment gedacht habe: das ist zwar alles gut und schön mit der Vorstellung, dass es dann keine Kriege und Waffen und Kriminalität mehr gibt und so, aber was wenn doch? Ist ein solches Stadtmodell nicht irrsinnig verwundbar? Man stelle sich nur mal kurz vor, dass das Zentrum zerstört wird. Das Zentrum, in dem das computerisierte Herz der Stadt sitzt. Wenn das mal ausgeschaltet ist, dann gibt es auch keine Versorgung mit Nahrungsmitteln mehr — und eigentlich müsste auch alles andere auf der Stelle zusammenbrechen.

Und ein weiterer angesprochener Punkt: Nachdem alles vollautomatisiert ist, gäbe es in der Theorie auch keine Notwendigkeit mehr für die Arbeit. Menschen machen schließlich Fehler, Maschinen nicht. Wenn man diesen Gedanken jetzt weiterspinnt, drängen sich mir gleich mal viele Fragen auf. Zum Beispiel:

1. Was macht man dann den ganzen Tag?
Nicht, dass man nichts mit sich anzufangen wüsste, aber wo sammelt man seine Erfolgserlebnisse, worauf steuert man hin? Es ist wie mit Arbeitslosigkeit jetzt, man kriegt sein Geld und alles, aber im Laufe der Zeit wird einem einfach fad. Ein Mensch ohne Tätigkeit ist langfristig gesehen unglücklich.
Also, ich meine jetzt nicht die Arbeit um der Arbeit willen, sondern die, die man wirklich gerne macht (meistens).

2. Was passiert mit all dem Wissen und der Erfahrung, traditionellem Handwerk usw.? Alles null und nichtig?

3. Würde ich mich statt von einem menschlichen Arzt von einem Roboter am offenen Herzen operieren lassen wollen?

Nunja, Jacque Fresco meinte ja, dass man vielleicht ein anderes Belohnungssystem hätte. Aber, wenn die Versorgung geregelt ist und alle gleich viel haben — welchen Ansporn hätte ein Arzt, weiterhin seine 60 Stunden/Woche zu arbeiten? Das hohe Ansehen, das er in der Gemeinschaft genießt? Die Freude daran, etwas Nützliches für die Gemeinschaft zu tun?

Wäre das allein Ansporn genug?

Ich fühle mich ehrlichgesagt an die Diskussionen erinnert, die wir damals über Anarchie führten. Und die Enttäuschung, als uns klar wurde, dass Gesetzlosigkeit nur auf das Recht des Stärkeren hinauslaufen würde.

Aber zurück zum Venus Project: Bewegen wir uns mit dieser ganzen Technokratisierung nicht noch weiter von unserer Natur weg?

Wenn ich mir den Nahrungsmittelanbau da so anschaue, dann schüttelt’s mich. Hohe Türme, Glasfassade, in jedem Stockwerk Gemüsebeete …

Kann das funktionieren? Kriegen die da überhaupt genug Licht? Gibt es dort auch Würmer und Ameisen? Und überhaupt …

Die nächste Frage: Wenn es heißt, die Versorgung wird gewährleistet,  indem man sich anschaut, was die Menschen brauchen … gibt es Zigaretten und Alkohol in dieser schönen neuen Welt? Oder „braucht“ man das dann auch nicht mehr? Und wenn jemand sein traditionelles Handwerk, sagen wir jetzt mal Schmiedearbeiten, weiter ausführen will? Hat er dann das Recht auf Metall?

Das ist schon der nächste Punkt: Wie bringt man einer Gesellschaft, die jahrzehntelang zum Konsum erzogen worden ist, plötzlich den Verzicht bei?

Das mit den Leihgütern ist in der Theorie natürlich ein guter Ansatz , also, dass es wie in der Bücherei zugeht, man holt sich zum Beispiel ein Auto, fährt 45 Minuten und wenn man es nicht mehr braucht, dann bringt man es zurück …

ABER: Jetzt bring mal Leuten bei, dass sie in Zukunft auf den Luxus und die Freiheit eines eigenen Autos verzichten müssen …

Und warum würde man die Karre pünktlich zurückbringen, wenn man kein Bußgeld befürchten muss, wenn mans nicht tut? Was wäre das große Incentive? Der Wunsch, sich sozial zu verhalten und auf die Bedürfnisse seiner Mitmenschen einzugehen ….?

Äh, we’re still talking about people here.

Dazu muss man nicht mal ein wahnsinnig asozialer Mensch sein, dass man die eigenen Bedürfnisse mitunter über die der anderen stellt.

Anyway, trotz allem ein spannender Film, weil er zum Nachdenken anregt.

Und, hab ichs nicht am Anfang gesagt: Ein neues Städte- und Lebensmodell zu entwickeln ist deshalb so schwierig, weil man so unfassbar viele Faktoren bedenken muss. Nicht zuletzt: Wird es auch den anderen Menschen gefallen?

Halb verhungert war ich, aus großem Interesse bin ich dann aber doch noch zur an den Film anschließenden Podiumsdiskussion geblieben.

Und, wie erwartet, da zermartert man sich das Hirn, um den Menschen eine schöne neue Welt zu bieten und was ist? Sie meckern! ;o>

Siehe auch hier: http://www.livestream.com/movingforward

Ganz unrecht hatte sie nicht, die Feministin links vorne, als sie sagte: „Und warum überlegen sich nur nordamerikanische weiße Männer die neue Welt?“

Weil, wenn man näher recherchiert, dann erfährt man recht schnell aus dem Internet, dass Jacques Fresco das Venus Project nicht alleine, sondern in Zusammenarbeit mit Roxanne Meadows entwickelt hat.

Warum wird sie im Film mit keinem Wort erwähnt? Warum kommt sie nicht selbst zu Wort? Redet überhaupt auch nur eine Frau in diesem Film mit?

Einerseits nerven mich Feministinnen manchmal, weil ich oft das Gefühl habe, dass sie mit ihrem immer gleichen Thema, ihrem ständigen Ruf nach Gleichberechtigung, nur noch weiter dazu beitragen, sich vom Kern des aktuell diskutierten Themas wegzubewegen. Und bei einer solchen Informationsflut wie bei Zeitgeist ist es ohnehin schwierig, alle Aspekte im Auge zu behalten. Auf der anderen Seite: Hat little Miss Feminism nicht recht?

Die Quintessenz ist dann wohl: Bei der Planung eines neuen Lebensumfeldes müssten alle mitreden dürfen, die darin leben sollen.

Und was passiert eigentlich mit unseren bisherigen Städten? Kulturerbe und so, dem Erdboden gleichgemacht? Wo wohnen die Menschen, während die Maschinen die neuen Städte bauen? Und wie viel Zeit bleibt uns eigentlich noch?

Sehr eindrucksvoll war jedenfalls die „Götterdämmerung“ am Schluss. Wir alle werfen das Geld auf einen großen Haufen. Take it back, we don’t need that crap anymore.
Der Polizist rüstet auf Befehl ab …

und dann … ja, was dann?

///???///

Toller Film jedenfalls. Bietet jede Menge Denk- und Gesprächsstoff. Schaue ihn mir sicher noch einmal an. Aber dann häppchenweise.

Mehr Info gibt es übrigens hier:
http://zeitgeist-movement.at/

///

Zum Schluss möchte ich gestehen: Ganz abgeneigt bin ich ja eigentlich nicht. Also, man soll ja nichts verdammen, was man sich nicht zumindest mal angesehen hat. Der Kapitalismus ist ja auch nicht nur das Gelbe vom Ei.

Insofern würde ich da gern mal Urlaub machen, in der schönen neuen Welt. Ich gehe da als Freiwillige für einen Monat hin und dann erzähl ich euch, wie das so ist, okay?

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