*detection*

März 1, 2011 at 21:55 (Literatur)

Habe „Tante Julia und der Kunstschreiber“ durch. Kann aber nicht genau sagen, ob es mir gefallen hat. Einerseits mag ich, dass es in Peru spielt. Sehr lehrreich, ich wusste vorher nicht, dass man in Lima oft mit dem Colectivo unterwegs ist.

Andererseits bin ich mir nicht sicher, ob Senor Llosa nicht heimlich ein Frauenverächter ist. Widmung an die tolle Julia hin oder her. Aber ist das wirklich nur Fiktion?:

„Frauen und Kunst, das verträgt sich nicht. In jeder Vagina liegt ein Künstler begraben.“

Da drängt sich mir doch die Frage auf: Gibt es die obligatorische Yoko Ono auch in männlich?

Wobei, Yoko Ono ist ja selbst Künstlerin. Und ich mag, was ich von ihr kenne. Angefangen beim berühmten YES, bis hin zu ihren aktuellen Projekten. Ich meine, liest sich diese Ausstellungsvorschau nicht großartig?

Es war nicht Yokos Schuld. Vielleicht waren die Beatles einfach vorbei. Ein etwas abschätziger, wenngleich interessanter Artikel dazu auch hier.

Anyway, umgekehrt: Wie viele Männer halten da draußen wohl begnadete Künstlerinnen zurück? Wie viele überwältigende Werke bleiben ungeschaffen, weil Männer mehr (zu viel?) Aufmerksamkeit einfordern?

Wobei gesagt sein muss: Es gibt wenig, das so inspirierend ist, wie eine unglückliche Liebe.

Manchmal denke ich, was für den Künstler der Kuss der Muse ist, ist für die Künstlerin die Zurückweisung des Mannes. Oder die Verletzung durch den Mann.

Die größte Kunst entsteht aus Schmerz.

Aber zurück zum Kunstschreiber. Als alte Hörbuch/-spiel-Liebhaberin find ich es natürlich toll, dass ganz Peru auf Hörspielserien versessen ist. Aber das muss man ja auch erst merken, dass da „Hörspiele“ eingestreut sind. Ein Hörspiel wird schließlich mit verteilten Rollen gesprochen. Nicht wie eine Geschichte erzählt. Warum hat Llosa diese Geschichten nicht in Dialogen geschrieben? Oder ist „Hörspiel“ hier einfach eine schlampige Übersetzung? Nein, kann nicht sein, immerhin erzählt Mario ja von mehreren Sprechern, die Camachos Werke druckfrisch vortragen.

Pedro Camacho überhaupt, das personifizierte Schreiben. Von morgens bis abends am Tippen, höchstens eine kurze Unterbrechung für einen Kamille-Pfefferminztee. Musterhaft diszipliniert, motiviert, produktiv. Ein Genie, der Neid könnte einen fressen, würde man nicht auf das drohende Gespenst Wahnsinn hingewiesen.

Ist es das? Ein Trost? Natürlich wünschst Du Dir, tagein tagaus zu schreiben. Aber es würde Dich nunmal wahnsinnig machen.

Hm.

Die eingestreuten (nennen wir sie)  „Kurzgeschichten“ werden übrigens in den diversen Rezension flurauf flurab in den Himmel gehoben. Ja, schön, südamerikanische Lebensart halt. Aber ich muss gestehen: für mich war nicht die eine, tolle Geschichte dabei, die mich groß fasziniert hat. Muss aber auch zugeben, da mir die unzähligen spanischen Namen nicht so geläufig sind, war der gewollten Verwechslung irgendwann doch schwer zu folgen. Breite Stirn, Adlernase, hin oder her.

Lieber habe ich Marito und Julia auf ihrer, durch staubige Dörfer führenden, Suche nach einem trauenden Bürgermeister begleitet. Da war der Geist wirklich unterwegs.

Umso enttäuschter war ich später zu lesen, dass ACHTUNG, SPOILER die Ehe nach acht Jahren vorbei war. Es heißt, sie hat ohnehin länger gedauert, als viele ihr gegeben hätten, und Mario selbst fand das schon in Ordnung so, aber was die Ehe anbelangt, da bin ich wohl doch nur ein romantisches Mädchen. Das soll für immer sein, wenn man es sich schon schwört, sonst kann man es sich gleich sparen. Und wozu die ganzen Strapazen auf sich nehmen, um unbedingt schon mit 18 seine Tante zu heiraten und die ganze Familie damit zu erzürnen, wenn acht Jahre später sowieso alles null und nichtig ist?

Naja, 18 halt, der Drang der Jugend …

Fazit: Ich habe die beiden gerne auf den staubigen Straßen begleitet, aber als sie sich verabschiedet haben, war ich nicht traurig.

Vielleicht bin ich auch nur ein großer Banause? Vielleicht habe ich die versteckte  Schönheit  in diesem Werk einfach nicht gesehen? Vielleicht bin ich nicht clever genug, um die Symbole zu erkennen und sie richtig zu deuten?

Vielleicht sind aber auch alle anderen nur große Heuchler und tun ach so begeistert von dem Buch, weil es vom Literaturnobelpreisträger ist?

Gut, der Kunstgriff ist schon eine feine Sache. Aber Kunstgriffe beherrscht ein Herr Lindqvist ja auch perfekt.

Keine Ahnung. In einem Punkt sind wir uns wahrscheinlich trotzdem alle einig: der Klappentext ist echt scheiße.

Beschäftigt mich weiterhin die Frage, was macht aus einem Buch ein gutes Buch? Was verwandelt eine Geschichte in „Weltliteratur“? Tante Wiki hilft eigentlich nur bei der Definition:

„Zur Weltliteratur werden Werke gezählt, die über nationale und regionale Grenzen hinweg große Verbreitung gefunden haben und die gleichzeitig als für die Weltbevölkerung bedeutsam erachtet werden.“

Und schränkt gleich darauf ein:

„Internationale Verbreitung allein ist keine hinreichende Bedingung für die Zuordnung zur Weltliteratur. Ausschlaggebend sind ein beispielhafter künstlerischer Wert und der Einfluss des jeweiligen Werkes auf die Entwicklung der Literatur(en) der Welt. Eine Einigung über allgemein anerkannte Kriterien, um zu entscheiden, welchen Werken weltliterarischer Rang zuzuerkennen ist, dürfte nicht einfach sein, zumal durch Epoche und Region gegebene Spezifika der Entstehungssituation der einzelnen Werke zu berücksichtigen sind. Deshalb ist die Verwendung des Begriffs „Weltliteratur“ nicht unproblematisch, denn verschiedene Nationen oder Völker haben kulturell bedingt unterschiedliche Perspektiven auf die Bedeutung von Literatur.“

Ich weiß es auch nicht. Jane Eyre zum Beispiel, großartiges Buch, aber wieso ist es Weltliteratur?

Und die Frage die alldem wieder einmal zu Grunde liegt: Werde ich eines Tages ein Publikum haben, das meine Werke in den Himmel hebt? (Wenn ich es denn schaffe, den Wahnsinn zu riskieren und Camacho-gleich tagein tagaus an der Tastatur zu sitzen …)

Habe ich denn wirklich etwas zu sagen, das jemanden da draußen bewegen und begeistern wird?

Und woher wissen die anderen Schreiber, dass sie es haben? Woran erkennt man eine gute Geschichte, die vielen gefallen wird?

Spürt man das dann einfach? Wie das Kribbeln bei einer guten Idee? Wie das untrügliche Knistern beim Anblick des zukünftigen Ehepartners?

Ich lasse es mal wachsen und gären. Vielleicht fällt mir noch was Schlaues ein.

 

 

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