*second*chances*

Dezember 7, 2011 at 19:40 (Literatur)

Nicht immer bekommt man sie, die zweite Chance. Ich zum Beispiel bekomme keine bei Mister Licht und Ton. Nur einen saftigen Kratzer ins Ego. Nunja.

Dafür vergeb ich welche. Zweite Chancen jetzt, nicht Kratzer. Daniel Glattauer und Elfriede Hammerl bekommen je eine. Bedankt euch bei der Bücherei, Kinder.

Und bitte, da haben wir auch schon das Stichwort.

Frau Hammerl schreibt über Kinder. Und Familien.

„Müde bin ich, Känguru“ hab ich ja eher nach dem Titel ausgesucht. Hm. Parteiisch und bitterböse, sprach der Klappentext.

Irgendwie fad, sagte ich nach der gesamten Lektüre.

Dennoch bekommt Hammerl die zweite Chance. Beim letzten Büchereibesuch nehm‘ ich „Hotel Mama“ mit. Soll mir ja keiner nachsagen, dass ich mir ein vorschnelles Urteil bilde.

Und was passiert?

Babybonus, Doris Knecht und das freundschaftlich/familiäre Umfeld haben mir die Sache mit dem Nachwuchs schmackhaft gemacht.

Doch nach der Hammerlschen Lektüre will ich keine Kinder mehr. Zumindest nicht so bald.

Die zweite zweite Chance bekommt dann der Glattauer.

Wir erinnern uns, „Alle 7 Wellen“ fand ich ja nicht so bueno.

Nichtsdestotrotz, ein echter first timer: Der Klappentext auf „Der Weihnachtshund“ liest sich GUT.

Und deshalb kommt er mit nach Haus. Und: Gefällt mir, soweit ich halt bis jetzt bin. 17. Dezember von 24 gesamt.

Da sind die Dialoge witzig, die Traumata unterhaltsam und die weibliche Hauptdarstellerin – Gott sei’s gedankt! – nicht so unfassbar nervtötend wie eine gewisse Emmi Rothner. Sondern irgendwie sehr süß mit ihrer postpubertären Elternflucht.

Bisschen bemängeln muss ich natürlich. Also, ich weiß ja nicht, ob Herr Glattauer selbst mal einen Hund hatte. Aber so etwas Lethargisches wie Kurt, gibt es das echt? Ich will mir ja nicht anmaßen, über alle Hunde der Welt Bescheid zu wissen, nur weil ich ein überdrehtes Energiebündel zu Hause habe. Immerhin gibt es ja auch Hunde, die ihr Futter stundenlang rumstehen lassen, während meiner in knapp 10 Sekunden den kompletten Napfinhalt inhaliert hat. Aber eines lass‘ ich mir echt nicht einreden. Nämlich — bildlich gesprochen — auf der einen Seite über Kurt zu schreiben: „Er hielt dem Druck nicht stand und zog in die andere Richtung. Er wollte wieder nach Hause. Ihm war kalt. Es war nass. Die Drahthaare heizten nicht ordentlich.“ Und dann auf der nächsten Seite: „Als sie sich umdrehte, lag der Hund noch immer auf dem Platz, an dem die Übergabe stattgefunden hatte.“

Gibt es tatsächlich Hunde, die sich, wenn sie frieren und ihren spärlich wärmenden Pelz verwünschen, dann auch noch in den Schnee legen?? Also, meiner hätt das nie gemacht. Der setzt sich noch nicht mal hin, wenn der Boden nass ist, sondern geht maximal pro forma in die Hocke.

Also, zuerst ist Kurt, entgegen seiner Natur, sehr agil und zieht tatsächlich an der Leine Richtung heim. Und dann liegt er plötzlich im Schnee, steht auch auf Aufforderung hin nicht auf und kümmert sich nicht im Geringsten um sein Herrchen, das inzwischen weggeht (nach Hause, ins Warme vermutlich!) …? Also, das kann ich irgendwie nicht ganz glauben. So erschöpft kann doch ein Hund gar nicht sein.

Andere Sachen dagegen fnde ich sehr gelungen. Beispiel:

„An solchen Tagen unternahm man hundert Anläufe sich einzubilden, dass man es gut erwischt hatte, dass alles in Ordnung sei, dass man sich nicht beklagen dürfe. Das war das Allerschlimmste an solchen Tagen: Sie ödeten einen ununterbrochen an, vom Zeitpunkt des unseligen Aufwachens bis zur rettenden Umklammerung des Kopfpolsters in der darauf folgenden Nacht, und man durfte sich nicht beklagen, denn man hatte es gut erwischt.“

Jaa, sowas gefällt mir. Und ist um Welten besser als das Nordwinddebakel.

Ich weiß schon, ihr meine Pappenheimer, die ihr mich gut kennt, denkt jetzt: Ach, Mädchen, warte mal ab, wie Dir das Ende gefällt. Wetten, da gibt’s wieder was zu bekritteln? Du bist doch nie zufrieden!

Aber das stimmt so nicht ganz. So sehr ich mich üblicherweise über offene Enden beschwere, bei der „Glasglocke“ zum Beispiel fand ich den ungewissen Ausgang überhaupt nicht schlimm. Las und staunte über mich selbst.

Im Gegenteil, es ist irgendwie faszinierend, dass es genau an der Schwelle endet. Esther geht durch die Tür und bis ans Ende aller Zeit ist offen, ob sie nun gehen darf oder nicht. Das ist doch ein perfektes Ende. Stark in seiner Symbolik. Gelungen.

Bei „Tschick“ hat mich ja vor allem so aufgeregt, dass Herr Herrndorf extra so viele Handlungsstränge aufwirft und dann nicht darauf eingeht. Wozu muss er Tatjana unbedingt ein Treffen vorschlagen lassen, wenn man als Leser dann gar nicht dabei sein darf?

Esther Greenwood dagegen, die hat abgeschlossen mit der Welt. Da gibt es keine offenen Enden, nichts, dem sie sich noch einmal zuwenden müsste, weil noch nicht alles gesagt worden wäre. Die morbide Schönheit der Endgültigkeit.

(Ich könnte den Artikel an dieser Stelle natürlich beenden. Das wäre ein verdammt guter Moment. Aber ich muss noch was …)

… sagen. Normalerweise denk ich mir das immer nur nachts, wenn ich so gegen halb 2 mit offenen Augen im Bett liege und auf den Schlaf warte. Da denke ich dann drüber nach, wie ich meine laienhafte Literaturkritik auf meinem schmählich vernachlässigten Blog in Worte fassen könnte. Ist ja schon wieder Tage her, dass man mit dem Coelho durch ist.

Also: „Brida“ war irgendwie nett, aber irgendwie hats mich auch kalt gelassen. Das lag vielleicht an den vielen christlichen Elementen, die mich eher abschrecken. Hexen, oder magische Frauen, wie ich sie von Marion Zimmer Bradley kenne, folgen der Mondtradition, okay, aber sie finden die Jungfrau Maria nicht besonders anbetungswürdig. Große Mutter, ja. Demütige, weinende, jungfräuliche Maria? Nein. Is irgendwie nicht meins. Und dann das ganze Gerede von dem „Anderen Teil“, also, ich weiß nicht. Der einzig überraschende Moment war Magier meets Lorens. Aber das wars auch schon. Spirituell hat mich Brida also nicht unbedingt „viere ghaut“.

Gleich im Anschluss hab ich mir dann die „11 Minuten“ vorgenommen. Als Konträrprogramm sozusagen. Und interessant, eine Szene, die Bridas Mutter beschreibt, ist einer Episode in „11 Minuten“ doch sehr ähnlich. Und alles ganz nett und so, eine Frau sucht ihren Weg, eine Frau möchte sich der Liebe verweigern und stattdessen ihre Ziele verfolgen … alles gut und schön. Und dann: das Ende. (Achtung, Spoiler!) Flughafen, verliebter Mann, ein Strauß Rosen. Und natürlich sagt sie Ja. WÜRG. Dafür hab ich sie jetzt aber nicht ein ganzes Buch lang für ihre Zähigkeit und ihren starken Willen bewundert. Dammit. Bei der erstbesten Gelegenheit ist der Mann mit den Rosen dann doch wichtiger als all ihre eigenen Ziele.

Bäääh.

Jaja, man kann sagen, die Liebe siegt über alles.

Not!

Und: Is ja nicht so, dass Dich der gute Coelho nicht vorgewarnt hätte. Die Geschichte beginnt mit „Es war einmal“ und ist ein „modernes Märchen“. Da muss man ja quasi mit einem Happy End rechnen. Was allerdings happy ist, ist Auslegungssache.

Anyway, Herr Coelho sagt auch, dass er seine Bücher hauptsächlich für sich selbst schreibt. Dieses internationale Millionenpublikum, das liest ja im Grunde nur still mit.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: